Lesungen - Soziale Begegnungsstätte Hildesheim

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Soziale Begegnungstätte für Sinti
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Lesungen


Hier ein Bericht der Hildeheimer Allgemeinen Zeitung vom 29.04.2012

"Lieber wäre ich mit in den Tod gefahren"
Krausnick liest die Geschichte eines Sinti Kindes, das den Holocoust nicht überleben wollte

* Hildesheim Das Mädchen auf dem Buchcover trägt ein weißes, unschuldiges Kleid. Die 10-Jährige steht neben Schwester Agneta. Um sie herum Mitschüler des katholischen Internats Mulfingen, allesamt Sinti Kinder, deren Eltern von den Nazis verschleppt und hingerichtet wurden. Wie viele hatte auch die kleine Angela sich mit ihrer Familie in den schwäbischen Wäldern versteckt. Während die meisten verhungerten oder erfroren, schaffte sie es wie eine Ronja Räubertochter den Winter ohne Schuhe zu überleben. Sie aß Birkenrinde, lutschte, wenn sie Durst hatte, die Eiszapfen und hatte gelernt, sich blitzschnell in den Baumkronen zu verstecken. Doch eines Tages werden ihre Eltern verraten und sie kommt ins Heim, dass von Himmlers Ausschwitzerlass so lange verschont bleibt, bis die "Rassenforscherin" Eva Justin ihre Doktorarbeit über das "Artfremde" der "Zigeunerkinder" beendet hatte.

Vergangenen Donnerstag besuchte auf Einladung des Hildesheimer Sinti Vereins Michail Krausnick bereits zum fünften Mal die Stadt, in der die Sinti in Deutschland 1407 erstmals schriftlich erwähnt wurden. Er las aus seinem Buch zum Film "Auf Wiedersehen im Himmel"(ARD Fernsehpreis).
Es ist die wahre Geschichte der Angela Reinhardt, die Dank einer Ohrfeige überleben sollte, doch nie drüber hinweggekommen ist, dass ausgerechnet sie nicht mit den anderen Kinder auf "den schönen Ausflug", wie es die Lehrerin und Schwestern getarnt hatten, in Tod fahren durfte. "Jedes Jahr vor ihrer Geburtstagnacht träumt sie von dieser Ohrfeige und wacht schweißgebadet auf, als hätte sie diese gerade bekommen.", erzählt Krausnick von einem Telefonat mit ihr.

Vor zehn Jahren hatte der mehrfach ausgezeichnete Schriftsteller und Drehbuchautor begonnen der Geschichte auf die Spur zu gehen und war mit der 66-Jährigen Überlebenden nach Auschwitz gefahren. "Sie litt ihr Leben lang unter schweren Depressionen und konnte einfach nicht fassen, dass es nicht einmal Grabsteine für ihre Mitschüler gab", erzählt Krausnick. Deren Asche wurde einfach in die Flüsse und Seen gekippt.
Als Nachkriegskind von der 68er Bewegung inspiriert, begann Krausnick sich früh in seinem Studium mit deutscher Geschichte zu beschäftigen. Und so handeln seine Bücher von Menschen, die nicht mitgeschwommen sind. Menschen, die einen eigenen Kopf haben und sich gegen die Ungerechtigkeit einsetzen. Das tut auch er, der seit Jahren mit seinen Werken und Lesungen zu Aufklärung beiträgt. Besonders das Thema der Sinti und deren Völkermord durch die Nazis ließ ihn nicht los,  da es noch viel zu wenig aufgearbeitet ist. "Gerade die Schulen sträuben sich oft, mich einzuladen. Das Thema sei erst später dran. Oder es wäre nichts für die Kinder.", erzählt er ernst. Anders in Hildesheim: hier konnte er am Freitag für die neunten und zehnten Klassen in der St. Augustinusschule lesen.

Auch in der sozialen Begegnungsstätte in Bavenstedt sitzen drei 7.Klässlerinnen in der ersten Reihe. Sie sind gespannt, als Krausnick zunächst von Angelas Abenteuern im Wald erzählt. Als er sie kennenlernte, empfand er großes Mitleid, als sie von diesen Jahren in Armut und Kälte spricht, doch sie hätte nur gelacht und gemeint: "Nein, nein, das war doch überhaupt meine beste Zeit. Ich liebte das Klettern in den Bäumen. Es gab zwar kein Spielzeug, aber Papa, obwohl er einen Arm verloren hatte, schnitzte mir ein Boot aus Holz. Ich setzte es auf die Pfützen und träumte, ich würde nach Amerika reisen, wo keine Nazis sind."
Doch das aufregende Märchen wird ernst, als ihre Eltern eines Tages abtransportiert werden und sie, gut versteckt im Baum, das Weinen nicht zu unterdrücken weiß. Die Polizisten schütteln so lange, bis sie runterfällt. Sie flieht, versteckt sich im Mist eines Schafstalls, doch wird auch hier gefunden. Krausnick erzählt so detailliert und authentisch, als hätte er das alles selbst miterlebt. Als er vom Heimallag erzählt, sieht man den Zuhörern ihre Betroffenheit an, wie gebannte Zuschauer vor einer Kinoleinwand. Krausnick liest: "Erst kommen noch Postkarten von den Eltern, dann nur noch Todesnachrichten. Ein Mitschüler bekommt ein Paket mit der Asche seiner Mutter und hört nicht auf zu schreien."
Als 1942 die Endfrage der Juden und Zigeuner beschlossen wird, beginnen die Züge aus Allen Städt Deutschlands direkt in die Vernichtungslager Auschwitz und Birkenau zu rollen, auch die Kinder sollen nachgeschickt werden. Die SS holt sie mit Postbussen nach, auch in Hildesheim wurden Sintikinderheime geräumt. "Es waren sogar Säuglinge dabei.", sagt er verständnislos. Nur in Mulfingen war es anders. Sie wurden noch nicht abgeholt, um den "Rasseexperimenten" von Eva Justin zu dienen.
Die Kinder mussten sich mit der Dorfjugend messen. Ringkämpfe, Tänze, Kartoffelsammeln. In allem waren sie besser, doch die "Rassenforscherin" Justin deutete das um und sprach von "Hurentanz, undeutschem Boxen" und wird ihren Doktortitel in Berlin dafür erhalten, dass sie die wissenschaftliche Legitimation für die Hinrichtungen liefert: "Die Zigeuner sind Waldmenschen mit affenartigen Bewegungen. Sie würden das gute deutsche Blut nur verderben." Als Als die Kinder nicht mehr gebraucht werden,  kommt 1944, da ist Angela gerade 10 Jahre alt, der Brief, dass alle abgeholt würden. Die Schwestern der St. Josefspflege sehen ihre Lage als auswegslos. Sie beschließen den Kindern nichts davon zu erzählen, sondern die Reise als schönen Ausflug an den Bodensee zu tarnen. Eine Notkommunion wird einberufen. Liebevoll nähen sie ihnen kleine Säckchen mit Süßigkeiten, die sie ihnen mit auf die Todesfahrt nach Ausschitz geben. Kurz davor kommen noch Polizisten, um Fotos von ihnen zu machen und Fingerabdrücke zu nehmen. Die perfide deutsche Bürokratie wird von den Kindern mit Spaß genommen. Sie finden es aufregend, ein Mitschüler sagt noch: "Das ist ja wie in den Chicago Gangster Filmen. Wie bei Al Capone." Krausnick erzählt von Angelas Wut darüber, dass sie als einzige nicht mitfahren durfte. Sauer schaut sie auf ihre Klasse, die fröhlich singt " Die Berge glühn wie Edelstein, wir wandern mit dem Sonnenschein, lieb Heimatland, ade."
Bis heute ist unklar, warum die Schwester gerade sie geschützt haben. Lieber wäre sie mit in den Tod gefahren.

"Kurz vor Ende des Krieges - die Befreiung war schon vorauszusehen, die rote Armee nicht fern - wurden die Liquidation aller beschlossen, die nicht mehr als Arbeiter gebraucht werden konnten. Alte und Kinder zuerst. Im Krematorium 5 wurden sie vergast." Eine tiefe Schwere füllt den Raum. Krausnick blickt schweigend in das Publikum und fährt fort: "In einer einzigen Nacht wurden 2897 Menschen hingerichtet. So auch Angelas 39 Mitschüler." Nur arbeitsfähige Frauen kamen in ein anderes Arbeitslager nach Ravensbrück.", erklärt Krausnick, der zwischendurch immer wieder fundierte historische Fakten einfließen lässt. Im Publikum sitz Marion Laubinger. Ihre Mutter gehörten zu denen, die nach Ravensbrück verlegt wurde und überlebte, aber den Großteil ihrer Familie in Auschwitz verlor. Laubinger ist bewegt: "Beeindruckend, wie er das erzählt. Da kriegt man direkt Gänsehaut. Es ist gut, dass jemand so engagiert ist, damit diese Dinge nicht vergessen werden." Auch Bürgermeisterin Beate König möchte sich stark machen für die Thematik: "Die Sinti sind Hildesheimer und Deutsche. Wir leben alle in einer Stadt, in einem Land und gehören zusammen. Wir haben das Recht und die Pflicht miteinander gut zu leben und füreinander einzustehen." König will sich dafür einsetzen, dass mehr Aufklärungsarbeit an Schulen geleistet wird und das Netz der Erinnerungen, ein Projekt in Hildesheim, das Stellen markiert, wo im Dritten Reich Verbrechen begangen wurden, weiter ausgebaut wird. So ist beispielsweise in der Kaiserstraße ein Schild angebracht, dass an 67 Sinti erinnert, die 1943 via Braunschweig nach Auschwitz deportiert wurden.
Sie schließt mit Dank an Krausnick: "Mit ihrem Buch haben Sie den ermordeten Kindern doch noch Grabsteine gesetzt."

Auch wenn "Auf Wiedersehen im Himmel" schon vor 10 Jahren erschien, verliert diese Geschichte nicht an Bedeutung. Ihr scheint trotz der historischen Dimension geradezu eine Zeitlosigkeit innezuwohnen. Im Herbst wird Michail Krausnik erneut in der Region lesen. Bis dahin kann man sich mit dem Buch auf eine Reise in die Vergangenheit machen. Ein Buch, dass eine Schutzimpfung gegen Rassisten und Neonazis ist.

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